Zwei aktuelle Interviews zur Lage der deutschen Heimatvertriebenen:

 

I.) Interview mit Dr. Alfred Ardelt

 

 

Eibicht: Herr Dr. Ardelt, Bundesminister Naumann hat eine neue Konzeption zur Kulturförderung der deutschen Heimatvertriebenen mit materieller und inhaltlicher Neuorientierung vorgelegt. Die Kulturarbeit der Vertriebenen wird damit sehr eingeschränkt, „herab- und herausgestuft“. Wie beurteilen Sie dies?

 

Dr. Ardelt: Ich sehe darin den Versuch, wieder ein Stück deutscher Kultur preiszugeben. Ohne Berücksichtigung der Kultur aus den Vertreibungsgebieten, ist das Bild, das die Deutschen von sich haben müssen, verfälscht und lückenhaft. Der Marsch in den Völkermord wird ein Stück weitergeführt.

 

Eibicht: Das Naumann-Konzept befindet sich jetzt in der parlamentarischen Beratung. Sind noch Veränderungen zu erreichen?

 

Dr. Ardelt: Veränderungen sind natürlich möglich. Wer wird sie angehen? Es wird interessant sein zu sehen, wie sich CDU und vor allem die CSU bei den parlamentarischen Beratungen verhalten werden.

 

Eibicht: Es wird also schwere Einschnitte im Bereich der Kulturarbeit geben – wie konnte es überhaupt soweit kommen? Hatte Linus Kather nicht doch Recht, als er vom „Stimmviehmißbrauch“ der deutschen Heimatvertriebenen sprach?

 

Dr. Ardelt: Linus Kather hatte natürlich recht, aus eigener Erfahrung kam er zu dem Urteil.  Die Vertriebenenverbände haben sich zu sehr in die Rolle von Interessenvertretern drängen lassen, in sozialen Fragen war das richtig und notwendig. Viel zu wenig vermochten sie es, deutlich zu machen, daß alles das, was in den Vertreibungsgebieten verloren gegangen ist, alle Deutschen verloren haben. Hier hätten sie stärker als es geschehen ist, als Sachwalter gesamtdeutscher Interessen auftreten müssen.

 

 

Eibicht: Was hat die Kulturarbeit von BdV und Landsmannschaften zum Kernpunkt einer jeden Interessenvertretung der deutschen Heimatvertriebenen, nämlich die heimatpolitische Durchsetzung von Rückkehr und Wiedergutmachung, überhaupt beigetragen?

 

Dr. Ardelt: Die Kulturarbeit hatte Sinn, wenn sie als Stimulans für das

Politische angesehen wurde und nicht als Selbstzweck. Schließlich hat die Politische Klasse die Vertriebenen auf die Kulturpflege abggedrängt. Sie sollen nun wohl auch daraus vertrieben werden.

 

Eibicht: Herr Dr. Ardelt, wie müßte, Ihrer Ansicht nach, eine ostdeutsche und sudetendeutsche Heimatpolitik, die sich wirklich an Rückkehr und Wiedergutmachung orientiert, heute im Jahre 1999 und in Zukunft aussehen? Tatsache ist doch, daß noch 1949  80% der deutschen Heimatvertriebenen fest an eine Rückkehr glaubten, heute, 50 Jahre später, ist noch nicht einmal der Name Ostdeutschland übrig geblieben.

 

 

Dr. Ardelt: Vertriebenenpolitik konnte und kann immer nur deutsche Politik sein. Es ging und geht darum, so viel wie möglich von Deutschland für Deutschland und das deutsche Volk zu retten. Wer sich jedoch irgendwohin „integrieren“ oder irgendwo „aufgehen“ will, wird dafür wenig Verständnis haben, der muß die Identität mit Hilfe der Mißachtung von Kultur und geschichtlicher Überlieferung beseitigen. Dies zu verhindern, also deutsche Identität neu zu beleben, darauf kommt es an. Um das zu erreichen und auch den deutschen Osten wieder auf die Tagesordnung der Politik zu bringen, bedarf es einer Regierung, die willens und in der Lage ist, die Interessen des eigenen Volkes kraftvoll wahrzunehmen. Danach zu trachten, das ist die Aufgabe aller Deutschen, nicht nur der Vertriebenen. 

 

 

Dr. Alfred Ardelt ist Landesobmann (Vorsitzender) der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL) in Niedersachsen, Präsidiumsmitglied der sudetendeutschen Bundesversammlung, Mitglied des Landesvorstandes des BdV. Er war   Landesvorsitzender des BdV in Niedersachen von 1993 bis 1995. Das Interview mit ihm führte Rolf-Josef Eibicht.

 

 

 


II.) Interview mit Dr. Walter Staffa:

Heimatpolitik in Vergangenheit und Zukunft

 

Eibicht: Herr Dr. Staffa, was bedeutet für sie persönlich der Verlust der angestammten Heimat?

 

Dr. Staffa: Die Vertreibung aus meiner angestammten Heimat bedeutet für mich den Verlust meiner heimatlichen Lebenswurzel. Nach gründlicher Familienforschung konnte ich die Reihe meiner väterlichen Vorfahren bis zum Jahr 1635 zurückverfolgen. Andere Quellen für die weiter zurückliegende Zeit sind im damaligen Dreißigjährigen Krieg verloren gegangen. Diese Vorfahren lebten überwiegend als Bauern in WACHTL, einem ausschließlich von Deutschen besiedelten Ort des Böhmisch-Mährischen Höhenzuges. Die Vorfahren mütterlicherseits stammten aus einem gemischtsprachigen Gebiet der mährischen Walachei. Die Menschen beider Wurzelbereiche waren schlichte, arbeitsame freundliche Menschen von herzensguter Lebensart. Durch die Vertreibung wurden auch die Bande dieser Gemeinsamkeiten menschlicher Wesensart zerstört.

 

Eibicht: Was bedeutet der Verlust der Heimat für die sudetendeutsche Volksgruppe als Volksgruppe in der Vertreibung insgesamt? eimat für die sudetendeutsche Vol

 

Dr. Staffa: Die Vertreibung einer Volksgruppe aus ihrer angestammten Heimat und der damit zusammenhängende Raub ihres Landes und Vermögens ist VÖLKERMORD. Die betroffenen Menschen wurden richtiggehend entwurzelt, die Lebensgemeinschaften zerrissen, die Überlebenden der einzelnen Familien kamen häufig isoliert in unterschiedlichste fremde Wohnbereiche.

 

Eibicht: Was waren ihre vorrangigen Beweggründe dafür, daß Sie sich als gebürtiger Sudetendeutscher aus Mähren, als niedergelassener Arzt, jahrelang kommunalpolitisch betätigt haben?

 

Dr. Staffa: Die Erklärung dafür ist die Tatsache, daß ich in meiner Jugend von den Ideen des Mit- und Füreinander der sudetendeutschen Jugendbewegung und Turnerschaft geprägt wurde. Als Arzt für Allgemeinmedizin und Familienvater konnte ich mich nur im Wohnbereich der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Zuerst als Vertreter der Heimatvertriebenen, später als Fraktionsvorsitzender der UFB (Unabhängige Freie Bürger), insgesamt 37 Jahre im Stadtrat und 30 Jahre im Kreisparlament.

 

Eibicht: Neben diesem staatsbürgerlichen Engagement betätigen Sie sich heimatpolitisch in der Sudetendeutschen Landsmannschaft und im Witikobund, dessen Vorsitzender Sie bis vor zwei Jahren waren. Der Witikobund wird als wertkonservative Gemeinschaft gerne dem rechten Lager zugerechnet. Wie würden Sie selbst seinen politischen Standort definieren?

 

Dr. Staffa: Die Mitwirkung in der Sudetendeutschen Landsmannschaft und im Witikobund war eine ganz natürliche und selbstverständliche Folge meines in der Jugendbewegung entwickelten Pflichtbewußtseins und der sich daraus ergebenden Einsatzbereitschaft für die landsmannschaftliche Gemeinschaft. Von Jugend an sah ich mich in der Verantwortung meinem Volk als Ganzheit, als Sprach-, Abstammungs- und Kulturgemeinschaft gegenüber. Deshalb konnte ich mich nicht nur einem Teil des Ganzen, einer Partei verpflichten. Die schablonenhafte Einteilung in „rechts“ und „links“ geht an meiner ganzheitlichen Verantwortung vorbei. Politisch gesehen sollten wir alle, gleich welcher Partei, immer vorrangig dem Wohl und den Interessen des eigenen Volkes zu dienen trachten. So sehe ich im Witikobund, der parteiunabhängigen, staatstragend zu wirken sich bemühenden, der Gerechtigkeit und historischen Wahrheit verpflichteten Gesinnungsgemeinschaft, die beste Mitwirkungsmöglichkeit.

 

Eibicht: In wenigen Tagen befinden wir uns im Jahr 2000, auch ein neues Jahrtausend. Die letzten 55 Jahre haben heimatpolitisch keine Veränderung des Zustandes wie er 1945 eintrat, gebracht. Das Selbstbestimmungsrecht, und dessen Unterfall: das Heimatrecht, Menschenrechte für die Sudetendeutschen, wurden nicht realisiert. Warum ist man hier so erfolglos gewesen?

 

Dr. Staffa: Sie fragen nach den Ursachen des sicher unbefriedigenden Ergebnisses bisherigen heimatpolitischen Einsatzes. Ich kann hier nur einen Teil dieser Ursachen anführen. Nach den furchtbaren Katastrophen des Zweiten Weltkriegs in diesem Jahrhundert mit der nach Kriegsende noch gesteigerten propagandistischen Beieinflussung unseres Volkes wurden die eigenen Abwehrkräfte weitgehend gelähmt. Die deutschen politischen Verantwortungsträger brachten nicht die Kraft auf, die eigenen Interessen gegen die verschiedenen Zwänge und intellektuell raffinierten Fremdeinflüsse durchzusetzen. In dieser äußerst ungünstigen politischen Gesamtathmosphäre haben auch die führenden Kräfte der Vertriebenen, also auch der Sudetendeutschen Landsmannschaft, viele Jahre hindurch kaum etwas erreichen können.

Mit einer aus falsch verstandener Rücksichtnahme von Teilen der Landsmannschaft eingeschlagenen Anpassungspolitik konnte ja auch kaum etwas erreicht werden. Das war ein Irrweg. Einer von nationalistischem Haß geprägten tschechischen Politik gegenüber muß allseits eine klare, nur der Gerechtigkeit und historischen Wahrheit entsprechende Antwort gegeben werden. Die für alle Völker gleichermaßen geltenden Grundsätze des Rechtes, der Wahrheit und Menschlichkeit müssen unerschütterlich, lautstark und mit aller Energie auch den Tschechen gegenüber vertreten, verständlich gemacht und durchgesetzt werden. Wenn historische Tatsachen übergangen werden wird die Wahrheit, eine der wichtigsten Voraussetzungen für einen dauerhaften Frieden, für eine wirklich gerechte Lösung vorhandener Probleme, verraten. Völkerrechtlich korrekte Verträge, wie der Prager Abtretungsvertrag vom 19./20. September 1938 mit dem nachfolgenden Münchner Abkommen (dem Durchführungsabkommen der nach internationalem Völkerrecht bereits vollzogenen Abtretung) wurde im Zuge der allgemeinen Verurteilung des Nationalsozialismus für ungültig erklärt. Der durch diese Entwicklung erzwungene erneute Bruch des sudetendeutschen Selbstbestimmungsrechtes, eines als „ius cogens“ (zwingendes Recht) international anerkannten Grundsatzes, kann aber mit der Verurteilung des totalitären Systems des Nationalsozialismus nicht gerechtfertigt werden. Das wurde und wird leider immer wieder versäumt deutlich zu machen.

Dabei muß in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen werden, daß der Gründer der ersten Nationalsozialistischen Partei der Weltgeschichte nicht Adolf Hitler oder ein anderer Deutscher war, sondern der Tscheche Vaclav Klofatsch, der diese Partei 1898 in Prag gegründet hatte. Der spätere tschechische Austreibungspräsident – Dr. Eduard Benesch -, war führendes Mitglied in dieser Partei, die sich vor der Weltöffentlichkeit lange als liberal zu tarnen verstand. Tatsächlich aber war den Sudetendeutschen in der alten Tschechoslowakei unter diesem Regime eine Rolle aufgezwungen, wie bedauerlicherweise Juden und anderen Völkern und Volksgruppen in der Welt. Die Beneschisten hatten ja von Anfang an, d.h. sogar vor der Gründung der ersten Tschechoslowakei (1918), eine Entgermanisierung Böhmens, Mährens und Sudetenschlesiens (heute „ethnische Säuberung“ genannt) verlangt und in ihrem Chauvinismus später auch 1945/46 auf brutalste Weise durchgeführt. Während in Deutschland zwischenzeitlich jede auch nur ansatzweise vorhanden gewesene chauvinistische Denkweise solcher Art vollkommen überwunden wurde, ist dieser Ungeist nationalistischen Hasses auch in der heutigen Tschechischen Republik leider immer noch viel zu weit verbreitet. Unabhängig davon ist es besonders traurig, daß auch die bisherigen Regierungen der Bundesrepublik Deutschland in diesen für die ganze Völkergemeinschaft so wichtigen Fragen der übergeordneten Rechtsauffassung der Vertriebenen keine Hilfestellung gegeben haben.

 

Eibicht: Herr Dr. Staffa, wie sollte und müßte, aufgrund der Tatsache, daß bisher nichts erreicht wurde, die sudetendeutsche Heimatpolitik zu Beginn des neuen Jahrtausends aussehen, um heimatpolitisch endlich voranzukommen?

 

Dr. Staffa: Nach all diesen schmerzlich bitteren Erfahrungen müssen die Verantwortungsträger aller Völker sich endlich ohne „wenn“ und „aber“ für den uneingeschränkten, entschiedenen Kampf für die Durchsetzung der übergeordneten Grundsätze zwischenmenschlichen und zwischenvolklichen Zuasammenlebens durchringen. Daß hierbei die Heimatvertriebenen beispielhaft mithelfen ist selbstverständlich. Sie treten ja nicht allein für ihre Interessen ein, sondern sind Pioniere und Garanten für die unbedingt notwendige Heilung aller Verbrechens-Altlasten und ihrer Folgen und damit Vorkämpfer für das gemeinsame Ziel des einigen Europas einander achtender, freier und eigenständiger Völker und Volksgruppen. In fast allen Religionen und vielen internationalen Verträgen sind die wichtigsten Gebote klar formuliert. Diese Gebote müssen des Friedens wegen von allen befolgt werden. Alle Unrechts-Wunden müssen – ganz gleich von wem, wann und wo begangen – geheilt werden. Vertreibungen und Raub von Land und Vermögen sind eben so lange unverjährbare Verbrechen gegen Menschen- und Völkerrecht, solange sie nicht bereut, gesühnt und so weit wie möglich wiedergutgemacht sind. Gerechtigkeit, Menschlichkeit, historische Wahrheit sind die besten Voraussetzungen für die gewünschte Partnerschaft, die besten Garanten für einen dauerhaften Frieden. Laßt uns alle gemeinsam für dieses Ziel unermüdlich bis zur Erfüllung kämpfen.   

 

Dr. Walter Staffa war lange Jahre Vorsitzender des Witikobundes und ist heute deren Ehrenvorsitzender. Er ist unter anderem Mitglied des Bundesvorstandes der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL), der sudetendeutschen Bundesversammlung sowie des Sudetendeutschen Rates. Das Interview mit ihm führte Rolf-Josef Eibicht.