Neuerscheinung 2002!

JAHRBUCH MIES-PILSEN

TATSACHEN * MEINUNGEN * STANDPUNKTE

(Band 1). 2002

Herausgegeben von der

Arbeitsgemeinschaft Sudetendeutscher Lehrer und Erzieher e.V.

Pädagogischer Arbeitskreis für Mittel- und Osteuropa

in Zusammenarbeit mit

Heimatkreis Mies-Pilsen e.V., Dinkelsbühl

Völlig zu recht ist die Schriftenreihe mit dem Titel „Tatsachen * Meinungen * Standpunkte“ überschrieben. Kommen doch die Tatsachen und ihre genaue Analyse vor der Bildung einer Meinung, die auf diese Weise gestützt zu festen Standpunkten sich entwickeln können.

So ist der erste Band, der in diesem Jahr 2002 erschienen ist, angefüllt mit Beiträgen, die gerade dieser Zielsetzung folgen, indem sie leider nicht immer bekannte Tatsachen bringen, auf deren Grundlage eine eigene selbstständige Meinung beruhen kann. Im Vorwort bereits macht der für die Herausgabe verantwortliche Dr. Hans Mirtes deutlich, dass es an der Zeit ist, „sudetendeutsche Positionen klar und deutlich zu beziehen und zu vertreten“ – dazu ist diese Schrift eine gute Hilfe.

Auf 180 doppelspaltigen Seiten ist hier eine breite Palette von 19 Beiträgen zur wechselvollen Geschichte und Gegenwart der deutsch-tschechischen Beziehungen versammelt, die durch eine Sammelrezension und die abschließende Kurzvorstellung der Autoren abgerundet wird. Beeindruckend ist dabei das weite Spektrum sowohl der Themen als auch der Verfasser aus Deutschland, Österreich, den Niederlanden und der Tschechischen Republik.

Der Band beginnt mit einer Kostprobe aus einem erst 2001 erschienen Roman Ota Filips „Der siebente Lebenslauf“, in der dem Leser aus dem Blickwinkel des damals neunjährigen Ota die Weihnachtszeit 1939 in Schlesisch Ostrau nahegebracht wird. Weniger belletristisch, aber umso nützlicher ist die Orientierungshilfe zur Sudetenfrage von Dr. Herbert Günther. Gut gegliedert wird hier die Sudetenfrage ab der Staatsgründung der Tschechoslowakei, die unter Verletzung des Selbstbestimmungsrechts der Völker 1918/19 erfolgte, konzentriert dargestellt. Besonderen Raum nimmt die Untersuchung der Vermögensfrage im Zusammenhang der Geltendmachung von Rechtsansprüchen sudetendeutscher Vertriebener ein. In diesem Zusammenhang werden Urteile des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte ebenso genauer betrachtet wie die deutscher und tschechischer Gerichte. Das Thema Vertreibung der Sudetendeutschen aus strafrechtlicher Sicht wird von einem Fachmann auf diesem Gebiet, Dr. Hermann Nadler, behandelt. Er kommt dabei zu dem Ergebnis, dass die herrschende politische Klasse nicht erst seit dieser Legislaturperiode die Rechtlosstellung der Vertriebenen in zwischenstaatlichen Verträgen festzuschreiben bemüht ist, und er endet mit der hoffentlich nicht rhetorisch gemeinten Frage, ob die Repräsentanten der europäischen Rechtskultur weiterhin schweigen werden.

Flucht, Vertreibung und Deportation der Deutschen aus dem Osten werden von Gerolf Fritsche vom Weg ins kollektive Vergessen der Nation zurückgeholt ins Bewusstsein. Dabei erhält der Leser notwendige Hinweise über den Umgang mit diesem Thema in historischer Literatur, in den Medien und in zeitgeschichtlichen Ausstellungen wie der bekannten „Fragen an die deutsche Geschichte“ in Berlin. Auch der kritische Blick auf historische Lehrbücher und Atlanten fällt nicht besser aus. Dennoch sollte das Ergebnis nicht frustrieren, sondern vielmehr mobilisieren!

Ludek Pachmann ist vielen bekannt als Schachweltmeister. Er war Dissident und ist wichtiger historisch-politischer Zeitzeuge. Über seine Erfahrungen aus der Zeit der Wende bis heute in der Tschechoslowakei bzw. Tschechischen Republik berichtet er in seinem Artikel: „Meine zweite, echte Heimat“. Ein Beispiel wie engagiert und konstruktiv er für die Rechte der Sudetendeutschen eintritt, zeigt der „Pachmann-Film“ über die deutsch-tschechische Geschichte, der sowohl im ZDF als auch in 3SAT ausgestrahlt wurde. Die ernüchternden Hintergründe zu diesem Projekt, das zunächst als deutsch-tschechisches Gemeinschaftsprojekt begonnen hatte, bis höchste politische Stellen in Prag dieses Projekt zu verhindern suchten, werden ergänzt durch eine tschechische Rezension des Drehbuchs, welche die vorherrschenden tschechische Denkkategorien und Schwierigkeiten eines historischen Dialogs aufzeigt.

Einen guten Überblick über die Geschichte der zwei Völker in Böhmen durch die konzentrierte Darstellung der Entscheidungsjahre ihres Zusammenlebens vom 13. Jahrhundert bis in die Gegenwart liefert der bekannte Historiker und profunde Kenner mitteleuropäischer Geschichte Dr. Richard Grill. Die tschechische Autorin Libuse Podlahová geht der Frage nach, ob es zwischen Deutschen und Tschechen ein kulturelles Zusammenleben oder nur Nachbarschaft gab.

Sehr lesenswert ist besonders der Beitrag des international bekannten Historikers und Leiters der Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt Dr. Alfred Schickel über das Münchner Abkommen. Dieser bekannteste Vertrag mit den wenigsten Kennern wird hier sachlich und kompetent erläutert und das deutsche Original ist sogar in Kopie beigefügt. Daraus lässt sich tatsächlich schnell, leicht und eindeutig entnehmen, dass nicht etwa in München die Abtretung der sudetendeutschen Gebiete beschlossen wurde, sondern dass man sich hier lediglich über die Art und Weise, wie dieser Anschluss an das Deutsche Reich durchgeführt werden sollte, einigte. Die Abtretung selbst, das macht bereits der erste Satz des Münchner Abkommens deutlich, war bereits vorher erfolgt und stand gar nicht mehr zur Diskussion. Sie erfolgte bereits durch den Notenwechsel vom 19./21.9.1938 zwischen der britischen und französischen Regierung einerseits und der Tschechoslowakei andererseits. Da gerade dies häufig aus Unkenntnis oder mit Absicht falsch dargestellt wird und die Folgen beträchtlich sind, ja bis hin zum Rechtfertigungsversuch für die Vertreibung der Sudetendeutschen geht, muss gerade diesem Artikel ein breites Lesepublikum gewünscht werden!

In seinem Wort an die deutschen Heimatvertriebenen nimmt der niederländische Jurist Prof. Dr. Frans du Buy kein Blatt vor den Mund. Er analysiert die heutige Situation der deutschen Heimatvertriebenen im geschichtlichen Kontext und kommt durchaus zu mutmachenden Ergebnissen.

Einem Kapitel der deutsch-tschechischen Geschichte, das kaum Beachtung in der Öffentlichkeit findet, hat sich Josef Weikert gewidmet. Mit „der hussitische Schlachtruf und seine Vollstrecker“ überschreibt er seine Darstellung der Gräueltaten, die bei Kriegsende an den Sudetendeutschen verübt wurden. Dabei wird exemplarisch anhand von ausgewählten Täterbiographien  das Partisanenunwesen entlarvt.

Dem hoch aktuellen Thema Zwangsarbeiter widmen sich verschiedene Beiträge. Zur Situation ausländischer Arbeitskräfte in Deutschland während des Krieges belegt Ulrich Lokowandt eindrucksvoll, dass nicht sie bei weitem nicht alle als Zwangsarbeiter bezeichnet werden können. Der Wahrheit über die tschechischen Zwangsarbeiter im Deutschen Reich kann man sich anhand von Auszügen aus dem Prager Tagebuch (1937-47) von Wilhelm Dennler ein Stückchen weit nähern. Dennler, ein bayerischer Schwabe, war als Ministerialbeamte der deutschen Verwaltung in Prag zugeordnet worden und arbeitete dann auch in der Regierung Hácha. Dem in der veröffentlichten Meinung weitgehend totgeschwiegenen Kapitel der Zwangsarbeit, die Deutsche verrichten mussten, tragen zwei Zeitzeugenberichte Rechnung. Sie schildern knapp und deutlich, dass Deutsche zur Zwangsarbeit nach Auschwitz (Ende Mai 1945) verschleppt wurden. Diese Einzelschicksale stehen exemplarisch für das unsägliche Leid unzähliger Deutscher, die von Tschechen, Polen und Russen zur Zwangsarbeit unter unmenschlichen Bedingungen verschleppt wurden. Unrecht lässt sich nicht gegenseitig aufwiegen, doch das absichtliche Verschweigen der einen Hälfte der Wahrheit muss auch die andere Hälfte beschädigen. In diesem Zusammenhang erfüllt die Zwangsarbeiter-Initiative beim Haus der Heimat e.V. in Frankfurt, die hier von Brunhilde Biehal vorgestellt wird, eine sehr wichtige Aufgabe.

Gleich zweimal wird die tschechische Justiz auch in der Gegenwart unter die Lupe genommen und das Ergebnis ist erschreckend. Josef Weikert stellt den Fall Wonka dar, der die sich in der Tradition der Benes-Dekrete befindende tschechische Justiz ins Zwielicht bringt.

Hoch aktuell auch die ebenso fundierte wie beunruhigende Analyse über den tschechischen Pannenreaktor Temelin durch den Geschäftsführer der oberösterreichischen überparteilichen Plattform gegen Atomgefahr und den Leiter des Budweiser Centrum Energie Josef Pühringer. Wer um die chaotischen und korrupten Verhältnisse beim Bau und im Betrieb weiß, dem ist klar, dass Temelin eine Gefahr für Europa ist.

Preis 11 EUR plus Porto

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Heimatkreis Mies-Pilsen e.V.
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