Die St. Bartholomäuskathedrale in Pilsen

Bild 1: Die St. Bartholomäuskathedrale in Pilsen.

 

Die Errichtung einer Bartholomäuskirche erfolgte etwa zur gleichen Zeit wie die Stadtgründung, über deren genaues Datum eine Gründungsurkunde nicht existiert. Nach Belohlávek, ARCHIV MESTA PLZNE 1987, wird für den Baubeginn das Jahr 1300 angegeben. Erstmals schriftlich erwähnt wird die Kirche in dem Vermächtnis eines Pilsner Bürgers aus dem Jahr 1307. Damals befand sich die Kirche offensichtlich noch im Aufbau, denn die Pfarrkirche Allerheiligen der nahen Gemeinde Malitz, auf deren Kataster Neu-Pilsen gegründet wurde, diente dem Gottesdienst der Städter. Im Jahre 1310 erteilte der König Heinrich von Kärnten das Patronatsrecht an der Kirche dem Deutschen Ritterorden und verfügte, daß Angehörige dieses Ordens fürderhin Pilsner Pfarrer seien. Da aber Heinrich von Kärnten noch im gleichen Jahre aus Böhmen vertrieben wurde, wagten die Angehörigen des Ordens nicht, sich der Pfarrei anzunehmen, die inzwischen von einem Weltpriester verwaltet wurde. Erst im Jahr 1322 erwirkte der Orden von König Johann von Luxemburg das Patronatsrecht erneut. Der Streit um die Pfarrei hörte aber nicht auf und wurde erst nach weiteren 20 Jähren 1342 zu Gunsten des Ordens entschieden.

Zu dieser Zeit bestand die Kirche keinesfalls in der heutigen Form. Ob sich die ursprüngliche Kirche unter dem Grundriß der heutigen Kirche, in deren Nähe oder anderswo befand, ist bislang nicht zu belegen. Das Datum der endgültigen Übernahme der Pfarrei durch den Ritterorden scheint mit dem Baubeginn einer neuen Kirche zusammenzufallen. Ihr ältester Teil ist das Presbyterium, nach der Analyse des Baustils erbaut um 1350 im Stil linearer luxemburger Gotik. Im Vergleich mit Bauten zeitgenössischer Stadtkirchen zeigt es sich kurz gegenüber ihren weiteren Abmessungen. Dies deshalb, weil es beim Bau zu einem Wechsel des Gesamtkonzeptes kam. Der ursprüngliche Bau wurde als zu klein angesehen, der Bau der Kirchenschiffe wurde größer angelegt und überdeckte ein Viertel des Gewölbefeldes des Presbyteriums, wodurch letzteres verkürzt wurde. Darüber zeugt, daß nach Baubeginn der Kirchenschiffe der Abbruch des Presbyteriums und Bau eines größeren geplant wurde, das den Kirchenschiffen entsprochen hätte. Doch dazu ist es nicht gekommen. Zeugnis davon geben nur archäologische Ausgrabungen und die unregelmäßige Verbindung des Mauerwerks im heutigen ersten Feld des Presbyteriums, dessen Anfang bereits für den nichtrealisierten Neubau vorbereitet worden war. Somit ist die St.Bartholomäuskirche in zwei maßstäblich voneinander abweichenden Kirchenteilen der konzipierten Bauten angelegt worden. Zu diesem angeführten Wechsel des Konzeptes kam es etwa im dritten Viertel des 14. Jhdts. mit der Anlegung dreier Kirchenschiffe. Der Bau wurde begonnen mit einer zweitürmigen Stirnseite und der schrittweisen Weiterführung bis hin zum bereits vorhandenen Presbyterium. Gleichzeitig wurde an der Nordseite des Presbyteriums die Sakristei angebaut. Bis zum Ausbruch der Hussitenkriege (1420) waren die Wände in voller Höhe aufgeführt und die Türme überragten das Gesimse kaum. Das Ganze wurde mit einem Dach versehen, das stets vor dem Bau der Gewölbe errichtet wurde, so daß die Kirche auch unfertig benutzt werden konnte. In dieser Gestalt überdauerte die Kirche die Hussitenkriege.

Bild 2: Das Mittelschiff der Kathedrale.

 

Im Laufe der Zeit kam es infolge der sich ändernden Ansichten der Erbauer der Kirche zu Veränderungen des baulichen Konzeptes. Diese sind bis heute sichtbar geblieben an den oberen Partien des Domes, insbesonders an der Westwand oberhalb des Chores und beim Triumphbogen. Anstelle der ursprünglich vorgesehenen eckigen Säulen wurden diese optisch subtiler auf kreisförmigem Grundriß aufgeführt, aus denen das Netzgewölbe fließend herauswächst. Als Autor der Gewölbe gilt Meister Erhard Bauer aus Eichenstätt. Zur selben Zeit wurde ein neuer Dachstuhl errichtet. Über dem gesamten Grundriß der Schiffe wurde ein zeltförmiges Dach errichtet, das mit einem Türmchen endet, das nur um weniges niedriger ist als die künftige Höhe des gerade begonnenen Nordturmes. Vom Bau des südlichen Turmes war man. längst abgekommen, denn die Ausführung einer regelrechten zweitürmigen Stirnseite widersprach dem ästhetischen Empfinden jener Zeit. Unter den Kunsthistorikern besteht keine Übereinstimmung über den. Ausbau eines Kleinods der Kirche, der Sternbergkapelle. Diese ist an der Südseite mit dem Presbyterium verbunden und. wurde für das Adelsgeschlecht der Sternberger als Begräbniskapelle angelegt. Die Sternberger siedelten auf der Burg Grünberg bei Nepomuk und waren politische Verbündete Pilsens. Bisher wurde die Entstehung der Kapelle in die zwanziger Jahre des 16. Jhdts. gelegt, doch eine Analyse des Baustils zeigt wahrscheinlich die Autorenschaft von Hans Spiess, der für den König Wladislaw II. auf der Burg Pürglitz gearbeitet hat. Die Tätigkeit von Spiess ist aber an die siebziger und achtziger Jahre des 15. Jhdts. gebunden.

Abb. 3: Sternbergkapelle; "Böhmisdher Altar" aus dem Jahr 1900 von J. Kastner.

Zu Beginn des 16. Jhdts. geriet das reiche und selbstbewußte Pilsen in eine Auseinandersetzung mit dem Angehörigen eines reichen und. weitverzweigten Geschlechts, Bavurek von Schwamberg, den die Stadt schließlich auf dem Pilsner Ringplatz hinrichten ließ. Als Antwort darauf wurde die Stadt wiederholt niedergebrannt und. die vernichtenden Brände wüteten über die Monate Juni und Juli des Jahres 1507. Nahezu die ganze Stadt mitsamt den Kirchen und Klöstern lagen nach und nach in Asche. Die Instandsetzung der ausgebrannten Kirche wurde im Jahr 1528 beendet, wovon eine Tafel im Dachgeschoß zeugt. Allerdings wurde nach dem Brand. das zeltförmige Dach nicht mehr erneuert, vielmehr wurden neue Dächer angebracht, deren Formen sich bis heute erhalten haben. Ganz erhalten aus dieser Zeit ist das Dach über dem Presbyterium.

Im Jahr 1534 erhielt Pfarrer Matthias Svihovský das Recht zum Tragen von Mitra und Krummstab sowie weiterer Insignien eines Prälaten. Nach dessen Tod im Jahre 1546 wurde die Pfarrei aus der Kompetenz des Deutschen Ritterordens ausgegliedert und neuer Patronatsherr wurde die Stadt Pilsen.

Im Verlauf der weiteren Jahrhunderte begrenzten sich Eingriffe auf ein Minimum, es kam nur zur Beschaffung neueren Mobiliars. Die Gestalt der Kirche blieb unverändert bis zu jener Februarnacht des Jahres 1835 (nach anderer Quelle bis zum Morgen des 6.Feber 1835), als während eines Wintergewitters ein Blitz in das gotische Dach des Turmes einschlug. Das neue Dach aus dem Jahr 1837 ist eine vereinfachte Kopie. Aber in diesem Jahrhundert waren die Geschicke des Domes weiterhin dramatisch.

Jahrhunderte ohne grundsätzliche Reparaturen zeichneten sich in den technischen Zustand der Kirche ein. Es kamen und gingen Kommissionen, es wechselten Vorschläge, wie der Kirche zu helfen sei. Im Jahr 1866 wurde problemhaft wenigstens mit Portlandzement verfestigt. Im Jahr 1870 fiel der östliche Giebel über dem Presbyterium und der Sternbergkapelle zusammen, durchschlug das Gewölbe der Kapelle, das er mitsamt dem hängenden Endstein zerstörte. In der Kapelle entstand erheblicher Schaden.

Eine seriösere Instandsetzung der Kirche begann im Jahr 1880, als der Architekt Josef Mocker die Reparaturarbeiten übernahm. Damit begann auch eine Regotisierung. Mocker entfernte alles, was ihm nicht hinreichend gotisch erschien..

Dabei korrigierte er das Gewölbe des Presbyteriums, entfernte den barocken Hauptaltar und ersetzte ihn durch einen Altar nach seinen Vorstellungen. Von den Dächern entfernte er die großen Renaissancegiebel und aus der Kirche verschwanden nach und nach 24 überwiegend barocke Altäre. Zum Glück gestattete Geldmangel keine gründliche Durchführung einer Regotisierung.

Die instandgesetzte Kirche wurde erneut am 2.Dezember 1883 geweiht. Weitere Instandsetzungsarbeiten wurden erst im Jahr 1907 wieder aufgenommen, als die Arbeiten der Architekt Kamil Hilbert übernahm, bekannt durch seine Zubauten an der St. Veitskathedrale in Prag. Bestandteile von Hilberts Arbeiten waren auch Forschungen, die das Geheimnis des zu kurzen Presbyteriums aufgedeckt haben. Die Instandsetzung, namentlich an der Sternberger Kapelle, endeten im Jahr 1924.

Die inzwischen letzte Instandsetzung der Kirche begann im Jahr 1987 mit der Ausarbeitung eines Projektes zur statischen Sicherung der Kirche sowie des Turmes. Die Arbeiten, bezahlt aus Mitteln der Stadt, dauerten bis zum Jahr 1995, in welchem das 700jährige Bestehen der Stadt gefeiert wurde.

Das Ende der kommunistischen Ära im Jahr 1989 ermöglichte die mehrmals abgelehnte Errichtung einer Pilsner Diözese. Durch päpstliche Bulle vom 31.5.1995 wurde Pilsen Bistum und zum ersten Bischof wurde Frantisek Radkovský benannt. Die St. Bartholomäuskirche, das geistige Symbol der Stadt, wurde zu einem kathedralen Dom.

 

Beschreibung der Kathedrale

Die Kathedrale ist eine gotische dreischiffige Halle mit gleich hohen Gewölben und einem Presbyterium, das von sieben Seiten eines Zwölfecks umschlossen wird. Das Schiff hat vier Gewölbefelder, von denen das dritte breiter als die übrigen ist. Dies wird betont durch die Seiteneingänge in diesem Feld. Beide Türen sind mit Eingangsvorbauten versehen. Die dreischiffige Kirche ist durch den Aufbau des unteren Teiles einer zweitürmigen Front nach dem Westen abgeschlossen. Der südliche Turm wurde nicht realisiert, dafür ist der nördliche eine Dominante der Stadt. Zwischen den Türmen wurde der Chor errichtet, der später (vielleicht nach dem Jahr 1520) durch einen ins Kirchenschiff ausladenden Balkon bedeutend erweitert wurde. An die Nordseite des Presbyteriums ist die Sakristei angebaut, die südliche Seite des Presbyteriums wird abgeschlossen mit der Sternbergkapelle mit Gewölbe mit hängendem Schlußstein. Die Kathedrale ist 58 Meter lang und 30 Meter breit. Die Gewölbe erreichen eine Höhe von 25 Metern. Der Kirchturm ist 103 Meter hoch und. damit der höchste Kirchturm in der Tschechischen Republik.

Ab. 4: Die Pilsner Madonna aus der Zeit um 1384.

Der Hauptaltar im neugotischen Stil ist nach einem Entwurf des Architekten Josef Mocker vom Wiener Tischler Josef Leimer im Jahr 1883 angefertigt worden. Er ersetzte einen frühbarocken Altar, der zusammen mit zwei Seitenaltären an der Stirnfront der Seitenschiffe eine Einheit bildete. In. den Arkaden auf Altarebene befinden sich in einem hohen Relief die vier Evangelisten. In der 1. Etage der Arkaden befindet sich das bedeutendste Kunstwerk der Kathedrale, die Statue der Pilsner Jungfrau Maria. Die Statue aus Tonschiefer stammt etwa aus dem Jahr 1384 und beherrschte in ihrer Komposition eine ganze Reihe jüngerer Madonnen. Ihr Autor ist nicht genau zu bestimmen, es wird aber angenommen, daß er aus dem Umfeld der Prager Bauhütte aus der Nähe der Familie Parler stammt. An den Seiten stehen Statuen Johannes des Täufers, des hl.Wenzel, des hl.Veit und des hl. Johannes. Von diesen wird angenommen, daß es sich um instandgesetzte Statuen des ursprünglichen Altars handelt. In der obersten Etage der Arkaden steht in der Mitte die spätgotische Statue des hl. Bartholomäus und darüber am höchsten Punkt des Altars die Statue des Erzengels Michael.

Linkerhand des Hochaltars befindet sich der Demlauer? (Demlovský) Altar, zusammengesetzt aus mehreren Teilen eines unbekannten Altars. Im mittleren verglasten Schrein befindet sich ein vergoldetes spätgotisches Reliquiar mit einer Reliquie des hl. Bartholomäus. Er geht auf die Zeit 1466—1478 zurück. Der Altar ist versehen mit Wappen des deutschen Ritterordens sowie der Stadt Pilsen. Hauptbestandteil des Altars ist eine überlebensgroße Kreuzigungsgruppe von Lazar Widman aus dem Jahr 1765, die hierher aus dem aufgelösten Dominikanerkloster St. Margaretha gebracht wurde.

Rechterhand des Hochaltars befindet sich das neugotische Taufbecken aus den 80er Jahren des 19. Jhdts. Es steht neben den gotischen Stühlen, die gleichzeitig mit dem Presbyterium in der Mitte des 14. Jhdts. entstanden sind.

Weitere Altäre sind:

aus: KATEDRALA SV. BARTOLOMEJE
Text ing arch. Jan Soukup
Vydalo nakladatelství KINCL & HAUNER PRAHA 7 pro BSIKUPSTVI PLZENSKE
Vydaní první Plzen 1998
ISBN 80-900104-4-X

bearbeitet von Josef Weikert