„Der Pyrrhussieg des Edvard Benesch“

Präsentation des jüngsten Werkes von Sidonia Dedina

Am 21. November d. J. konnte der Erste Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sudetendeutscher Lehrer und Erzieher Dr. Hans Mirtes im großen Festsaal des Sudetendeutschen Hauses in München eine stattliche Zahl interessierter Gäste willkommen heißen. Ein besonderer Gruß galt dem Bundesvorsitzenden der Sudetendeutschen Landsmannschaft und Europaabgeordneten Bernd Posselt sowie der Autorin Sidonia Dedina. Die Vorstellung ihres neuesten Werkes zur sudetendeutsch-tschechichen Geschichte stand im Mittelpunkt der Veranstaltung. Als Herausgeber wies der Vorsitzende auf die Notwendigkeit jener Publikationen hin, die der Unterrichtung der Öffentlichkeit über die tatsächliche Geschichte der Sudetenländer und ihrer Bewohner dienen. Auch gab er seiner Freude Ausdruck über das geglückte Erscheinen des Werkes und der Hoffnung, dass der ideelle und materielle Beitrag der sudetendeutschen Pädagogen und alle damit verbundenen Risiken in einer weiten Verbreitung des Buches ihren Lohn finden mögen.

Bernd Posselt bekundete seine langjährige Verbundenheit mit den sudetendeutschen Lehrern und deren Vertretern, welche das Entstehen des Buches zu fördern bereit waren. Er ging auf die augenblickliche Lage im sudetendeutsch-tschechischen Verhältnis ein, erwähnte aktuelle Angriffe mittels Plakataktionen auf seine Person im tschechischen Staat, stellte aber auch auf eine gewisse Zukunftshoffnung ab, wobei er einzelne positive Äußerungen von jenseits des Böhmerwaldes ebenso wie verständnisvolle Stimmen tschechischer Senatoren nennen konnte. So träfen sich Licht und Schatten im sudetendeutsch-tschechischen Gegenüber. Ersteres zu stärken und der geschichtlichen Wahrheit zu dienen – pflichtete er seinem Vorredner bei – seien entsprechende Publikationen von besonderem Wert.

            Anschließend vermochte Frau Dedina mit der Lesung ausgewählter Abschnitte erste Eindrücke von ihrem neuen Werk über Hintergründe, politische Kabale und erschreckende Schicksale sudetendeutscher Gewährsleute sowie auch der Hilfe, die deutschen Kindern in einem tschechischen Heim zuteil geworden waren, zu vermitteln.

            In der folgenden Laudatio – vom Berichterstatter vorgetragen – wurde deutlich, dass es sich bei dem Pyrrhussieg des Edvard Benesch um eine literarische Aufarbeitung des schändlichsten Kapitels der mitteleuropäischen Nachkriegsgeschichte handelt, nämlich dem der Vertreibung deutscher Menschen aus ihrer jahrhundertealten Heimat. Die Autorin folgt dabei dem Postulat des großen Geschichtsschreibers Leopold von Ranke, nach dem es gilt, dass der Historiker vermitteln müsse, „wie es wirklich war“.

Sofern Vertriebene es bislang wagten, gegen Geschichtsklitterungen aufzutreten, verhängte man über sie das Verdikt, die Geschichte umschreiben zu wollen, als ob es nicht längst nötig gewesen wäre, falsche Behauptungen richtig zu stellen, eben „umzuschreiben“.

Der Pyrrhussieg des Edvard Benesch führt die romanhafte Dokumentation in dem Buch Edvard Benesch – der Liquidator in freier Erzählfolge in 21 chronologisch geordneten Kapiteln für die Zeit von 1945 bis Ende 1946 über die Ereignisse des so genannten ‚organisierten Transfers’ der Sudetendeutschen weiter. Darum finden gleich zu Anfang die Vorgänge und Ergebnisse der „Potsdamer Konferenz“ Erwähnung, deren aufschlussreiche Dialoge zwischen TRUMAN, CHURCHILL und STALIN szenisch aufbereitet werden. Die Gesprächsprotokolle besagen, dass die Vertreibung der Sudetendeutschen, die Vernichtung der Lebensgrundlage von Millionen Menschen, wenngleich unter der Patenschaft Stalins – allein das Werk Beneschs war.

Die verhängnisvolle Rolle, die dabei der Außenminister Jan Masaryk zu übernehmen sich berufen fühlte, zeichnet sich in den Sitzungsprotokollen der CS-Regierung ebenso ab, wie einige Zeit später in einem seiner Briefe. Darin ist von der seinem Vater, dem Gründer der ersten tschechoslowakischen Republik, gerne zugeschriebenen Humanität nichts zu spüren.

Der Großteil der Aussagen des Buches wird getragen von der paradigmatischen Darstellung einzelner Familienschicksale. Mustergültig recherchiert und aufgearbeitet sind Berichte von Familien aus Krummau, Mies oder Peterswald, die alle um Lageraufenthalt, Verschleppung auch der Kinder, brutaler Enteignung aller Habe, versuchte und gelegentlich erlösende Flucht kreisen. Dazu kann die Autorin mit authentischen Namen aufwarten, Familienchroniken auswerten bzw. Augenzeugenberichte unmittelbar einbringen.

In einer ganzen Serie von Abschnitten finden sich Einzelberichte über die Zustände in den Aussiedlungslagern und über die Eisenbahntransporte zur Zeit der Massenvertreibungen ab Januar 1946. Von Plünderungen auch des letzten Vertreibungsgepäcks ist da die Rede, dem Elend in den Lagern, dem Martyrium von Frauen, Kindern und alten Menschen. Glaubwürdig berichten Betroffene, Transportführer, bayerische Kommissare, ausländische Beobachter und Aufzeichnungen von Bekannten der Autorin. Aus all dem lässt sich resümieren, dass auch die so genannte ‚organisierte Aussiedlung’ an Brutalität der ‚wilden Vertreibung’ in nichts nachstand.

Von besonderer Bedeutung scheinen in dieser Hinsicht die Konfiskations- und Verstaatlichungsdekrete gewesen zu sein, obwohl zu erahnen war, dass sie die tschechoslowakische Wirtschaft zugrunde richten würden. Diese Dekrete erhielten Anfang 1946 durch ein Verfassungsgesetz eigentliche Gesetzeskraft. Der Vergleich jener Vorgänge mit den parlamentarischen Entscheidungen von 2002, welche die Dekrete für ‚unantastbar’ erklären, legt ein aus Neid und Hass geborenes politisches Handeln offen.

Die Maßnahmen gegen die Deutschen werden zwar gelegentlich von bedeutenden, einsichtigen tschechischen Persönlichkeiten überzeugender Kritik unterzogen, die Situation ändert sich dadurch aber ganz und gar nicht.

Die literarische Aufarbeitung der Behandlung politischer Gefangener im tschechoslowakischen bzw. tschechischen Staat schlägt den Bogen von der kommunistischen Praxis im Strafvollzug zur neueren Entwicklung in der postkommunistischen Justiz und zeigt gleichermaßen den Einsatz aufopferungsfreudiger Landsleute für dabei zu Unrecht belangte bzw. misshandelte Menschen. Sidonia Dedina schildert eindringlich das Zustandekommen des so genannten „Straffreiheitsgesetzes“ vom 8. Mai 1946 vor allem in Bezug auf das Wüten der Partisanen und deren Verbindungen zu kommunistischen Führungskadern. Bis heute blieben Straftäter, die sich Verbrechen an Deutschen schuldig gemacht haben, ohne Bestrafung. Vielmehr dürfen sie sich ungehindert über eigene Zusammenschlüsse politisch betätigen und propagandistisch an der Meinungsbildung des tschechischen Volkes mitwirken.

Im Epilog beschreibt die Autorin gravierende Mängel der gegenwärtigen tschechischen Demokratie. Sie geht streng mit der offiziellen tschechischen Politik, Polizei und Justiz ins Gericht. Die eigentliche Unfreiheit spiegelt sich in der Weigerung tschechischer Medien, sich der Probleme der Vertriebenen anzunehmen. Darum ist es nötig, dass die Vertriebenen selbst, ihre Organe und gewählten Vertreter sowie die ihrem Trauma Verständnis entgegenbringende Publizistik dies tun. Die heutigen Tschechen seien eine Benesch-Nation geworden, welche jenem Idol Denkmäler errichtet, Gebäude, Straßen und Brücken mit seinem verabscheuungswürdigen Namen bedenkt, sich damit von europäischen Werten immer mehr entfernt, wie die Autorin warnt.

Einen Funken Hoffnung böten tschechische Einzelpersonen und Gruppierungen, vor allem solche auf studentischem oder christlichem Boden entstanden, deren Proteststimmen unbedingt eines offenen europäischen Forums bedürfen.

Das Schlußwort gehörte dem Erlebniszeugen Walther Erhart, dem Sohn eines Opfers des Massakers auf der Brücke von Aussig am 31. Juli 1945. Sidonia Dedina hat seine schicksalhafte Entdeckung an den Anfang ihres Werkes gestellt: Im sächsischen Königstein wurde in den Jahren 2001/2002 ein Grab gefunden, das die sterblichen Überreste eines Mannes birgt, dessen Leichnam im August 1945 im ‚Königsteiner Leichenbogen’ von der Elbe ans Ufer gespült und am Friedhof des Ortes bestattet worden war. Über sein Schicksal berichtet der Sohn: „Auf dieser Elbebrücke verlor mein Vater in seinem dreiundsechzigsten Jahr das Leben – auf dem Heimweg vom Schicht-Büro.“

Die Botschaft Betroffener, die in Büchern, wie Sidonia Dedina sie schreibt, offenbar wird, folgt dem Wort der Bibel, nach dem früher oder später alles ans Licht kommen muss. Dies allein kann der Wahrheit dienen und damit dem Frieden zwischen den Völkern.

Ernst Korn

Es geht nicht darum, dass die Deutschen aus diesen Ländern direkt ausgetrieben werden. So einfach ist das nicht. Es wird für sie jedoch solch eine Situation geschaffen, dass es für sie besser ist, aus diesen Gebieten wegzugehen. Die Tschechen und die Polen können formell sagen, den Deutschen sei es nicht verboten, dort zu leben, doch in Wirklichkeit wird für die Deutschen eine Situation geschaffen, dass es für sie unmöglich wird, dort zu leben.

Protokoll Stalin in Potsdam, Juli 1945

Am nächsten Tag wurde ihnen über dem Schweinestall eine kleine Kammer zugewiesen. Sie gelangten über eine verfallene Treppe dorthin. In der Stube war kein Tisch, kein Bett, kein Stuhl; dort sollten sie zu sechst hausen. Nur ein kleiner Kanonenofen stand da, der, wie sich bald zeigte, dauernd rauchte, man konnte es vor Qualm kaum aushalten. Zu allem Verdruss waren im Fußboden Löcher, also konnten sie die Schweine unten beobachten, ihr Grunzen hören und auch ihren Geruch spüren.

Sie waren alle klein, trotzdem konnten sie im Raum nicht aufrecht stehen, außer Rudi und Christl. Sie stießen immer an die Deckenbalken an, die sie schlecht sehen konnten, da es kein elektrisches Licht gab. Ein kleines Guckloch mit Blick auf die Straße Richtung Sedlcany war ihr Fenster.

Der schlimme Herbst 1945, authentischer Bericht von Familie Hüttner auf Zwangsarbeit im Tschechischen

Wiederum legt uns die Autorin Sidonia Dedina – bekannt durch das Buch „Benesch – der Liquidator“ ein Buch über Drangsal und Vertreibung der Sudetendeutschen vor. Authentische Berichte runden ihre Schilderungen ab.

Sidonia Dedina, „Der Pyrrhussieg des Edvard Benesch“. 2005. 640 S., Paperback,

Preis 22, 00 € und Versandkosten. ISBN  3-9808506-9-2.

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